Nichts erinnert auf der U-Bahnhofstation „Weinmeisterstraße“ der U-Bahnlinie-8, die von Wittenau im Berliner Norden bis zur Hermannstraße in Neukölln führt, an eine Berliner Weinbautradition. Der Name „Weinmeister“ für die Straße und die Station könnte ebensogut ein Familienname sein. Dabei war es die Bezeichnung für einen sehr besonderen Beruf. Ein „Winmeister“, wie er im Mittelhochdeutschen genannt wurde, war ein hoch angesehener Fachmann, zumeist Beamter in Sachen Weinbau, Weinherstellung und Sortenpflege. Er konnte für die Weingärten wie auch für die Kellereien zuständig sein.
Seine Arbeitsgrundlage war eine Weinmeisterordnung, die strengste Regeln nicht nur für die Arbeiten im Weingarten vorgibt. Diese sind dem Kirchenkalender zugeordnet. Im Februar, während der Fastenzeit, soll mit dem Beschneiden der Rebstöcke begonnen werden. Das gilt heute noch. Selbst über die Entlohnung sowie die Qualitätsstufen des Weines ist in einer Fassung von 1617 zu lesen. So gab es den „Ehrwein“ aus den besten Trauben und den „Tischwein“ aus den geringer wertigen Trauben. „Fischwein“ fand beim Kochen oder für die Essigherstellung Verwendung.
Zur Verbreitung und Erläuterung der Ordnung trug vor allem ein Johannes Colerus bei, der bereits 1598 in seinem Werk „Vom Weinbau – vinicultura genannt“ auf der Grundlage der Kurfürstlichen Weinmeister-Ordnung von 1578 seine Erfahrungen zum märkischen Weinbau niedergeschrieben hatte. Sein Vater besaß selbst einen Weinberg, der von einem Weinmeister bearbeitet wurde.

Der Weinmeister prüft den Wein, Historische Darstellung aus der Quelle: „Buch der Landwirtschaft“, 1507. Sammlung W. Krause
Die Geschichte des Namens der nur 200 Meter langen Weinmeisterstraße geht bis auf das Ende des 17. Jahrhunderts zurück. Damals gehörte dieses Gebiet rund um den Rosenthaler Platz noch zu den Flächen, auf denen seit der Einbringung der Weinkultur Mitte des 12. Jahrhunderts in die Mark Brandenburg, Wein angebaut wurde. Hier hatte nicht nur Weinmeister Stohse seinen Weingarten.
Im Umfeld, am heutigen Monbijouplatz sowie zwischen Oranienburger- und Ziegelstraße, lagen ebenfalls Weinberge.

Alte Weinpresse. Foto: © W. Krause

Pressen der Trauben. Historische Darstellung aus der Quelle: „Buch der Landwirtschaft“, 1507. Sammlung W. Krause
1699 wurde durch Stohses Weingarten ein Weg angelegt. Noch war er namenlos, ab 1750 hieß die Durchquerung Weinmeister-Gasse, 1812 noch Weinbergs-Weg. Handwerksbetriebe und kleine Fabriken hatten sich angesiedelt. 1820 wurde der Name Weinmeisterstraße zuerkannt.
Mit der Entwicklung Berlins und zunehmender Einwohnerzahl belebte sich das gesamte Viertel zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt. 1867 zog das Sophiengymnasium aus der Großen Hamburger Straße in einen Neubau in der Weinmeistertrasse. Namensgeberin war die nahe gelegene Sophienkirche.
Fast ebenso lang wie die Straße selbst ist die U-Bahnstation unter ihr. Sie wurde ab 1928 erbaut und 1930 eröffnet. Sie gehört zum Gesamtwerk der U-Bahn-Stationsbauten des schwedischen Architekten Alfred Grenander (1863 bis 1931) und steht heute unter Denkmalschutz. Nach dem Mauerbau 1961 bis zum Mauerfall 1989 war die Station Weinmeisterstraße ein sogenannter Geisterbahnhof. Die Bahn fuhr ohne Halt unter den Bahnhöfen im Osten Berlins hindurch. Man fürchtete eine Fluchtmöglichkeit. Im damaligen Westteil der Stadt hielten die Züge.
Von der Weinmeisterstrasse bis zum Hackeschen Markt, um den herum Cafés und Restaurants Speisen- und Getränke, darunter auch ausgewählte Weine anbieten, sind es nur wenige Schritte.
Wenn man um die Bedeutung des Weinanbaus und der Weinmeister in der Berliner Stadtgeschichte weiß, scheint die Namensgebung logisch. Eigentlich wurde damit Weinmeister Stohse ein Denkmal gesetzt.
