Woher kommt der Name „Weinstraße“ mitten in einem Wohngebiet? Man braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass man in ehemaligen Weingärten steht, die hier bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts gehegt und gepflegt wurden.

Das Gebiet gehörte sogar zum größten Weinbaugebiet vor den Toren des mittelalterlichen Berlins. Der märkische Boden auf den Hügeln der Vorstadt entsprach wohl dem, wie Johann Sigismund Elßholtz diesen in seinem Gartenbuch Mitte des 17. Jahrhunderts beschrieben hat: „…mehr trucken als feucht/mehr sandig als lehmig/und mit etwas kleinen Steinen vermischet“, so dass er „das beste sey“.

Durch Wald, Wiesen und Ackerflächen führten die Wege der Weinbauern aus dem Prenzlauer-, dem Königs- und dem Landsberger Tor hinaus in den Otto’schen Weinberg, den Less’manschen Weinberg, den des Generalfeldmarschalls Derflinger oder in den Dietrich’schen Weingarten.

Letzterer war bereits 1650 angelegt worden.

Plan Berlin Schmettau, Kartenwerk 1767 – 1787 © Deutsche Staatsbibliothek

Aus einer Anzeige von 1797 zur Veräußerung dieses Weinberges nach Dietrichs Tod ist zu entnehmen, wie groß dieser war, welche Anpflanzungen und welche Gebäude sich darauf befanden. Es waren 21 Morgen Land. Vier Morgen entsprechen etwa einem Hektar, heißt, einer Fußballfeldgröße. Auf dem etwas über fünf Fußballfelder großen Areal sollen fünf Wohnhäuser gestanden haben, „wovon 2 zu Sommerwohnungen bequem eingerichtet sind“. Die anderen waren „nur klein“, zwei hatten auch Stallgebäude und eins „war mit einer Weinpresse versehen“. Auf der höchsten Anhöhe gab es ein „Lusthaus“ mit einem Balkon, im Garten „Lustpartien und grüne Plätze“. „… das Übrige“ war „zum Weinbau eingerichtet“. 37.000 Weinstöcke standen darauf und zum Verkauf, dazu noch einige auf einer Höhe. Fast 200 Meter Spaliere waren angelegt, 1260 Obstbäume „von guten Sorten“ gepflanzt. Das Anwesen, das von einem 450 Meter langen Zaun umbaut war, konnte täglich besichtigt werden. Den Zuschlag erhielt ein Gärtner.

Der Weingarten des Gottfried Sametzki 1844. Aus: Der Berliner Osten. Berliner Handelsdruckerei, Berlin N54. Berlin 1930
Der Weingarten des Gottfried Sametzki 1844, vorher Dietricher Besitz. Aus: Der Berliner Osten. Berliner Handelsdruckerei, Berlin N54. Berlin 1930
Märkischer Weingarten. Aus: Elsholtz, J. S.: „Vom Garten-Bau“. Faksimile-Ausgabe. Edition Leipzig, 1987. Original 1684.
Märkischer Weingarten. Aus: Elsholtz, J. S.: „Vom Garten-Bau“.  Original 1684.
Sammlung W. Krause.

Unweit davon lag der Garten von Gottfried Büsching, Direktor des berühmten Grauen Klosters in Berlin. Der Allround-Gelehrte, der 1793 in seinem Gartenhaus verstarb, gab einen entscheidenden Tipp für die Qualitätsverbesserung von Wein: Die besten Trauben nicht abschneiden und verkaufen. Die roten und weißen Trauben trennen und getrennt pressen. Wenn man Stengel und Kerne nicht „zerquetschte, so würde der hiesige Wein weit besser sein, als er jetzt ist.“

Sein Fazit jedoch: „Man gehet aber nicht gern von der hergebrachten Weise ab, so unvernünftig sie auch sein mag“. Die nach ihm benannte nahe Büschingstraße sollte uns heute an diese Weisheit erinnern.

Der Dietrich’sche Garten gehörte späterhin dem Geheimen Rechnungsrat Gottfried Sametzki.

Er ließ dort die ersten Straßen bauen. Die heutige Barnimstraße könnte seinen Namen tragen, wenn er das Straßenland umsonst an die Stadt abgetreten hätte.

Am Ende der Barnimstraße wurde 1863/64 ein sogenanntes Schuldgefängnis für Frauen errichtet, das bis zu seinem Abriss 1974 eine traurige Berühmtheit erlangte. Zahlungsunfähige Frauen saßen dort ein, Frauen des Widerstandes während der NS-Zeit und ab 1961 Frauen, die die DDR illegal verlassen wollten. Zur Geschichte des Hauses gehören die Namen Rosa Luxemburg und Hilde Coppi.

Um überhaupt noch an die Geschichte des Weinbaus in diesem Gebiet zu erinnern, wachsen heute wieder Weinreben an der Fassade des Hauses Frieden-/Ecke Weinstraße.

Weinanpflanzung im Vorgarten eines Hauses an der Weinstraße. Foto:© W. Krause