
Nachdichtung von Renate Herrmann-Winter, 1990
Jedem Touristen wird im Berliner Zentrum die um 1270 entstandene Marienkirche gezeigt und darin eines der ältesten Berliner Kunstwerke. Das 22 Meter lange und zwei Meter hohe Wandgemälde im Eingangsbereich „Der Totentanz“ entstand um 1470. Europa hatte gerade die größte Pestepidemie überstanden, Kriege und Hungersnöte herrschten vor. Der „Tanzmeister“, ein in ein Tuch gehülltes Skelett, führt 28 Vertreter aller Stände dieser Zeit in den Tod, sogar eine Gastwirtin. Sie schien nicht weniger wichtig dargestellt zu werden als Kaiser, Domherr, Bürgermeister, Bauer oder Narr. Jede Darstellung ist mit einem Dialog-Vers zwischen den Betroffenen und dem Tod versehen. Danach war die Schankwirtin dem Tod geweiht, da sie ein falsches Maß beim Ausschank angesetzt hat.

Foto: © W. Krause
Die Marienkirche war ein Ort des Adels und des Bürgertums. Zum Abendmahl wie zu allen Festen und Feierlichkeiten gehörte der Wein. Wie überhaupt Kirche und Wein miteinander verbunden sind. Im Johannesevangelium sagt Christus: „Ich bin der Weinstock. Ihr die Reben.“ Die Verbindung zum Weinstock bedeutet ein -früchtetragendes Element für den Fortgang des Lebens, die Beschneidung steigert den Fruchtertrag. In der Bibel taucht das Wort Wein etwa 440 Mal auf.
Als der erste Brandenburgisch-Preußische Generalfeldmarschall Otto von Sparr 1668 verstarb, war es standesgemäß, dass sein Grabdenkmal in der Marienkirche Platz fand. Drei Jahre vor seinem Tod war er zum Weinbergsbesitzer geworden. Er trat das Erbe seines Cousins Ernst Georg an, der nach Erbstreitigkeiten am heutigen Weinbergsweg einen Weinberg besaß. Beide Vettern aus dem weit verzweigten märkischen Geschlecht der Sparrs haben sich ihre Meriten im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 verdient, was ihr Landesherr, der Große Kurfürst, honorierte. Ernst Georg erhielt eine Pension, Otto Christoph von Sparr wurde 1658 zum Generalfeldmarschall erhoben.
Die Zeit des Sparr’schen Weinbergbesitzes war die Hochzeit des Berliner Weinbaus. Welche Arten von Rebsorten auf ihrem Besitz wuchsen, ist nicht bekannt. Über die „Märkischen Weinreben“ steht im 1684 von Johann Sigismund Elsholtz. veröffentlichten Gartenbuch geschrieben: „…so erscheinet doch an den Trauben der meiste Unterschied … welche von Farben weiß/grau/grün/gelb/schiel/roth/oder schwartz sind… Ins gemein dennoch setzet man nur zwo Hauptfarben: Weiß und Roht…“. Aus der Kirchengeschichte ist bekannt, dass der rote Wein als das „Blut Christi“ galt.

Kapitell in der Marienkirche Foto © W. Krause

Grabdenkmal für Generalfeldmarschall Otto Christoph Sparr in der Marienkirche. Foto: © W. Krause
Das Grabmal des Otto von Sparr gehört ähnlich wie „Der Totentanz“ zu den künstlerischen Hauptwerken in der Marienkirche. Geschaffen wurde es von einem Artus Quellinus aus Antwerpen, der wie Sparr 1668 verstorben ist. Doch der Generalfeldmarschall hat seinen Grabstein bereits sechs Jahre vor seinem Tod anfertigen lassen. Für sein Bemühen um die Berliner Bürgerschaft wurden ihm finanzielle Belastungen für seine Güter erlassen. Späterhin war seine Finanzsituation prekär. Er versuchte seine Güter zu erhalten, aber Zeitgenossen bestätigten ihm vor allem seine Sorgen um Kirchen und Glocken. „Auch die Herstellung des durch Wetter beschädigten Thurmes der Marienkirche ließ er sich viel Geld kosten.“ Stammt daher die Sage, mit der sich der Generalfeldmarschall in die Berliner Geschichte eingeschrieben hat?
Darin wird erzählt, dass er 1661 nach einem Blitzeinschlag die in Brand geratene Kirchturmspitze der Marienkirche mit einer Kanone abschießen ließ, um den Kirchenbau zu retten.
„In dieser ward er nach seinem am 9. Mai 1668 auf seinem Gute Prenden bei Bernau im Kreise Niederbarnim erfolgten Tode am 12. d. M. beigesetzt. Er starb arm, wenngleich begütert.“, so heißt es zeitgenössisch.

Aufnahme um 1920. Im Vordergrund: Die Marienkirche. Postkarte. Foto Sammlung @ W. Krause
Otto Sparrs Weinberggeschichte dauerte nur drei Jahre von 1666 bis zu seinem Tod 1668.
Der Schätzpreis des Weinberges und der dazugehörigen Gebäude lag nach seinem Tod immerhin bei 1000 Talern!
