Selbst um 1630, als die Prenzlauer Allee noch „Straße nach Prenzlow“ hieß und man nur durch das Prenzlauer Tor aus der Stadt heraus oder in sie hinein kam, wird die Ecke an der heutigen Torstraße keine Ruhezone gewesen sein. Es ist vermutlich etwas langsamer zugegangen als heute, und der Geräuschpegel war vor allem von Menschenstimmen, Pferdegetrappel und Fuhrwerken bestimmt. Aber Betrieb hat hier wohl immer geherrscht.

(1847) unbekannter Künstler
Prenzlauer Tor mit Blick in die Prenzlauer Straße, Berlin-Prenzlauer Berg, 24.08.1848, Aquarell; 10,40 cm x 13,50 cm, Inv.-Nr.: VII 60/1429 w, Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Michael Setzpfandt

Zwischen der „Straße nach Prenzlow“, der Straße nach Bernau, der heutigen Greifswalder Straße, und der Straße nach Landsberg lagen fünf große Weinbergsflächen, die rund um das Jahr von Winzern oder Landarbeitern gehegt und gepflegt werden mussten. Während der Weinernte im Herbst zogen noch viele Saisonarbeiter zum Prenzlauer Tor hinaus, um zu helfen. Wie auf allen märkischen Weinflächen um ganz Berlin wurde auch auf den heutigen Friedhofsflächen, rechterhand stadtauswärts, die Weinernte eingebracht. Vom 13. bis zum 19. Jahrhundert gab es über 500 Weinflächen in der Mark Brandenburg um Berlin. Davon gehörten 116 gut gestellten Berliner und Cöllner Ackerbürgern.

„Alt Berlin“ zeigt die Akzise Mauer, die beginnend von Brandenburger Tor ganz Berlin umgab. Foto: Albert Schwarz. Sammlung W. Krause

Die Stadt baute sich an die Weinbaugegenden in alle Himmelsrichtungen heran. Mancher Weingarten war längst aufgegeben. Auf vielen Flächen wuchs Getreide, oder es wurden Kartoffeln angepflanzt. König Friedrich II., der dem Rheinwein ohnehin mehr zusprach als dem märkischen, befahl Mitte des 18. Jahrhunderts den Kartoffelanbau, um Hungersnöten vorzubeugen.

Heinrich Olivier
Gegend des Prenzlauer Tores in Berlin, 1847, Aquarell, Inv.-Nr.: VII 84/231 w, Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin

Ausgang des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts war der Lärmpegel wohl dem an der heutigen Torstraße schon ähnlicher. Pferdegetrappel auf gepflasterten Straßen, Menschengewimmel, Fahrradgebimmel. Die ersten Autos knatterten und hupten sich durch die damalige Lothringer Straße an der Hausnummer 1 vorbei, dem Kaufhaus Jonass, das seit 1920 als erstes Kreditkaufhaus berühmt wurde. Die Nationalsozialisten enteigneten den jüdischen Besitzer und richteten 1934 dort ihre Zentrale für die Hitlerjugend ein. Das Objekt überstand den Zweiten Weltkrieg relativ schadlos. Zunächst zogen die ersten Repräsentanten der DDR-Regierung Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl dort ein, später war es das Institut für Marxismus-Leninismus. Seit 2010 ist das „Soho House Berlin“ dort mit einem Hotel und einer Gaststätte etabliert. In dem Hotel nächtigen sehr gern Filmgrößen aus aller Welt. In dem öffentlichen Restaurant kann man in gediegener Atmosphäre exklusiv ausgewählte, vor allem italienische Weine genießen.

„Kreditwarenhaus Jonass“ um 1925. Foto Sammlung © W. Krause

Nebenan, bei „Aschinger“ an der Prenzlauer Allee/Ecke Saarbrücker Straße, war es nach Gründung des Unternehmens 1892 durch die Brüder August und Karl vor allem das Bier, mit dem man Gewinn erzielte. Um 1935 soll es in Berlin 42 Aschinger-Standorte gegeben haben. In der Mehrzahl waren es die sogenannten „Bierquellen“, doch auch Konditoreien und Produktionsstätten für Speisenangebote gehörten dazu. Die Mehrzahl der „Aschinger“-Gäste gehörte nicht zur upper class. Die „Gratis-Brötchen“, die preisgünstigen „Aschinger-Würstchen“ und auch die Erbsensuppe machten „Aschinger“ berühmt. „Beste Qualität bei billigstem Preis“ hieß der Werbeslogan.

Zeitschriften Werbung von 1920.  Sammlung W. Krause

Andere Etablissements des Großunternehmens wie das „Weinhaus Rheingold“ am Potsdamer Platz, der „Leipziger Hof“, das Hotel „Fürstenhof“ blieben den besser Betuchten vorbehalten. Dort gab es natürlich Weine aus aller Welt zu trinken, vor allem aber Rhein- und Moselweine. Spannend, aus einer Aschinger-Getränkekarte der 1930er Jahre heraus zu lesen: „Berliner Kindl (helles Lagerbier), den halben Liter für 35 Pfennig“, den „Rheingold-Römer weiß“, den Viertelliter für 50 Pfennig und ein Glas „Frühstückswein“ „Malaga, golden oder dunkel“ für 30 Pfennig.

Nach der sogenannten Arisierung übernahm das Aschinger-Unternehmen sogar das berühmte „Haus Vaterland“ am Leipziger Platz. Im Jahr 1976 endete die Geschichte der „Aschingers Aktien-Gesellschaft“.

In Zeiten der DDR war das „Berliner Backwarenkombinat“ (BAKO) an der Saarbrücker Straße angesiedelt. Nach Sanierung des Geländes um 1990 haben sich in der heutigen „Backfabrik“ unterschiedlichste Gewerbe eingemietet.

Die ehemalige Produktionsstätte von Aschinger; später „Backwarenkombinat“, heute Teile eines Bürokomplexes, Saarbrücker Straße 36 – 38A.  Foto: © W. Krause