Ist man die Stufen zum Eingang der ab 1846 gebauten St. Bartholomäuskirche empor gegangen, steht man fünf Meter über der Greifswalder Straße. Genau diese waren zu überwinden, um am Fuße des ehemaligen Leßmann’schen Weinberges diesen Bau zu errichten.

Bauherr war der im Januar 1800 geborene Friedrich August Stüler, umgesetzt wurden seine Pläne durch den Baumeister Friedrich Adler. Das Gelände war für mehr als 17.000 Taler einem Zimmermeister abgekauft worden.

Eingang in die St. Bartholomäuskirche. Die Treppenstufen gleichen den Höhenunterschied zur Straßenebene aus. Foto: © W. Krause

Stüler hatte sich mit Fleiß und Zielstrebigkeit neben Karl Friedrich Schinkel, dem Berliner Stararchitekten, zu behaupten. Nach dessen Tod im Jahr 1841 avancierte er zum Lieblingsarchitekten von König Friedrich Wilhelm IV. und übernahm 1853 das Ressort Kirchenbau für Preußen. Es war wohl ein Geben und Nehmen von Ideen und Inspirationen zwischen dem an Kunst und Architektur interessierten König und dem Architekten. Noch 1858/1859, Friedrich Wilhelm IV. verstarb 1861, reiste man gemeinsam nach Italien.

Der Leßmann’sche Weinberg von etwa drei Morgen Größe in der Königsvorstadt oder Königstadt lag am Ende der „Bernauer Straße“, am damaligen Bernauer Tor. Späterhin wurde dieses wieder in Königstor umbenannt, die Königsstraße ist heute die Greifswalder Straße.

Der Weinberg gehörte zu den ältesten und bedeutendsten auf dem hügeligen Terrain im Osten, bevor Berlin und Cölln um 1709 überhaupt eine Stadt wurden. Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich der Weinanbau links und rechts des Spreetals entwickelt. Schwer vorstellbar, dass uns einst in alle Himmelsrichtungen Weinberge umgaben. Im Mittelalter Wein zu trinken war weitaus gesünder als jedes Wasser, das ungereinigt aus Flüssen, Bächen und Brunnen geschöpft wurde.

Der sog. Hufenplan mit Darstellung der Weinbergstücken (Nach Mencelius 1822). Sammlung W. Krause

Den Wein zum heiligen Abendmahl gab es selbstverständlich auch in der Bartholomäuskirche. Wein, Bibel und Kirchengebräuche gehören seit eh und je zusammen. Schon im Alten Testament steht geschrieben: „Bauet euch Weinberge und esset davon.“ „Bier ist von Menschenhand gemacht und Wein von Gott“, soll Martin Luther gesagt haben.

Lucas Cranach der Jüngere: „Die Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Postkarte. Sammlung W. Krause

Der Name des „Bartholomäus“, des Schutzheiligen der Winzer, wurde der Kirche 1858 vom späteren Kaiser Wilhelm I. zuerkannt. Die Altargestaltung wie auch die Ausschmückung des Innenraums folgten diesem Gedanken. Trauben und Weinlaub waren im ursprünglichen Bauwerk überall zu finden. Stüler und seine Zeitgenossen hatten mit der Ausgestaltung dieses romantisierenden Kirchenbaus nicht nur an die Weinbaugeschichte des Leßmann’schen Weinberges angeknüpft, sondern an die der gesamten Gegend.

Doch während des Zweiten Weltkrieges erlitt der Bau erhebliche Schäden. Im März 1945 zerstörten Bomben das Dach, große Teile des Innenraumes und damit die traditionsreiche Innenausstattung. Schon 1952 gab es Bemühungen zur Wiedererrichtung des Innenraumes. Im Mai 1955 begann ein Wiederaufbau.

Der 200. Geburtstag von Friedrich August Stüler im Jahr 2000 war Anlass, 1997 mit einer grundlegenden Sanierung des Kirchengebäudes zu beginnen.

Gehen sie die fünf Meter nach oben und schauen sie auf das Eingangsportal des Gotteshauses: Dort ist rundum in schönster Form in Ton geformtes Weinlaub zu sehen. Man steht eigentlich am Fuß eines ehemaligen Weinberges.

Schmuck mit Weinblättern am Kirchenportal. Foto: © W. Krause

Nicht vergessen aber werden sollte, dass in Zeiten größter DDR-Repressionen um 1986/1987 eine Friedensbibliothek und ein Antikriegsmuseum in den Räumen der Kirchengemeinde eingerichtet wurde. Anfang Februar 1987 nahmen fast 3000 Menschen an einer Friedensandacht vor Ort teil – ganz im Sinne des Schutzheiligen der Kirche.